Warum wir weibliche Vorbilder brauchen

Als Frau den eigenen beruflichen Weg zu gehen erscheint heute als selbstverständlich. So selbstverständlich, dass es fast schon überflüssig scheint, darüber überhaupt noch zu schreiben. Dabei vergessen wir oft, dass unsere Generation gerade mal die zweite Generation einer langen weiblichen Ahninnen-Reihe ist, für die berufliche Verwirklichung überhaupt möglich, angestrebt und umgesetzt wird. Uns das bewusst zu machen hilft zu verstehen, warum für viele weiblich sozialisierte Menschen eine ganze Reihe an Hürden auftaucht, wenn sie sich auf den Weg machen, ihren beruflichen Traum zu verwirklichen.

 

Jahrhundertealte Selbstverständlichkeiten wirken in uns

Dank der Emanzipationsbestrebungen unserer Mütter und Großmütter ist es für uns Frauen heute normal, einen Beruf zu ergreifen, der nicht nur der Notwendigkeit entspringt, den Lebensunterhalt zu bestreiten oder eine Übergangslösung darstellt um die Zeit zwischen Ausbildung und einem Mutter-und-Hausfrau-Dasein zu überbrücken. Im 21. Jahrhundert ist vieles für Frauen selbstverständlich, was noch für unsere Großmütter undenkbar war: Wir studieren, wir machen Ausbildungen, wir drängen in die Führungsetagen, wir machen uns selbstständig, wir gestalten Gesellschaft aktiv und sichtbar.

Rund 68 Prozent der Frauen in Deutschland und Österreich sind heute berufstätig, viele davon geben an, berufliche Selbstverwirklichung anzustreben. Die Kategorie Frau wird im Zusammenhang mit Beruf meistens nur erwähnt, wenn es darum geht, Beruf und Familie zu vereinbaren, wenn auf die immer noch bestehenden Ungleichheiten in der Bezahlung von Männern und Frauen hingewiesen wird, oder wenn die Frauenquote in Männer-Domänen ausgeweitet werden soll, etwa in technischen Berufen, der Politik und dem höheren Management. Über die inneren Herausforderungen, mit denen Frauen oft kämpfen wenn es um berufliche Verwirklichung geht, wird selten gesprochen.

Zig Generationen von Frauen haben uns vorgelebt, dass es genügt, uns auf die Domänen Haushalt und Kindererziehung zu beschränken. Zig Generationen von Frauen haben uns vorgelebt, dass es eigentlich nicht unser Bereich sei, die Gesellschaft zu gestalten, innovative Antworten auf brennende Fragen zu entwickeln und umzusetzen, oder unsere Talente und Begeisterungen zu erkunden und und selbstbestimmt in einen Bereich jenseits von Haushalt und Kindererziehung einzubringen.

Ob wir es wollen oder nicht: Diese jahrhundertelange Selbstverständlichkeit wirkt noch in uns. Sei es durch die leise Stimme, die uns wieder und wieder einflüstert, dass wir eine berufliche Verwirklichung ja eigentlich doch gar nicht wollen. Sei es durch die kleinen Akte der Selbstsabotage, wenn wir doch einen Schritt zurücktreten, wo wir eigentlich die Bühne betreten könnten. Oder sei es dadurch, dass wir uns zufrieden geben, kleine Brötchen zu backen, obwohl wir eigentlich spüren, dass wir das Talent zu einer Meisterbäckerin hätten.

“Ich trau mich nicht”, “ich kann das nicht”, “ich bin noch nicht ausgebildet/erfahren/kompetent genug” und andere klein-machende Glaubenssätze höre ich immer wieder in meiner Arbeit – In einem bemerkenswert höheren Ausmaß bei weiblich sozialisierten Menschen als bei männlich sozialisierten Menschen. Es braucht kompetente Begleitung, um solche Glaubenssätze aufzuspüren und in bestärkende Haltungen zu transformieren. Daneben braucht es meines Erachtens aber noch etwas: Vorbilder. Vorbilder, die etwas leben, was wir auch zu leben wünschen und die uns Mut und Inspiration geben, es auch zu tun.

Ich wünsche mir mehr weibliche Vorbilder, die nicht längst tot sind.

Die meisten weiblichen Role Models, die wir kennengelernt haben, leben uns ein Leben vor, das wir in dieser Art für uns eigentlich nicht wünschen. Doch als Mangel an Alternativen orientieren wir uns trotzdem an ihnen. Denn an wem sollen wir uns eigentlich sonst orientieren? Ach, na klar: An Männern. Denn davon gibt es zahlreiche, die mir ein Beispiel sind, wie man die eigenen Ideen verwirklichen, beruflich so richtig durchstarten und gleichzeitig Familienvater sein kann. Jedoch: Es wächst ein Unbehagen in mir, wenn ich und viele andere junge Frauen sich fast ausschließlich an Männern orientieren wenn es darum geht, den eigenen Weg zu gehen.

Wo aber sind die Frauen, an denen wir uns orientieren können? Die Tatsache, dass in letzter Zeit lauter Bücher über diese inspirierenden Frauen aus dem Boden sprießen lässt darauf schließen, dass es eine gewisse Sehnsucht gibt, weibliche Vorbilder zu haben. Die Frauen, die hier portraitiert werden, sind inspirierende und mutige Wesen wie Rosa Luxemburg, Frieda Kahlo, Simone de Beauvoir oder Marie Curie. Und so sehr ich diese Frauen bewundere, und so sehr sie mich inspirieren und an meine eigene Größe erinnern: Ich will nicht nur weibliche Vorbilder haben, die alle längst tot sind. Und die in einer völlig anderen Epoche lebten. Ich wünsche mir weibliche Vorbilder im 21ten Jahrhundert, an denen junge Frauen sich orientieren können, von denen junge Frauen lernen können und durch die junge Frauen inspiriert werden. Ich wünsche mir, dass Frauen sichtbar sind, die ihr Leben hier und jetzt in der Hand haben, die ihrem Ruf gefolgt sind, die sich beruflich verwirklichen und aktiv in die Gesellschaft einbringen, und die dabei den Spagat schaffen, auch Liebende zu sein, Mutter, Partnerin, Freundin, Haus-und-Garten-Gestaltende, oder wasimmerihnen auch wichtig ist. Ich wünsche mir weibliche Vorbilder, die Kraft und Sanftheit beides leben können, Führungsstärke, Gestaltungsmacht, und Gespürigkeit, die sowohl lieben als auch auf den Tisch hauen können. Die nicht versuchen, die besseren Männer zu sein, sondern die uns inspirieren und Mut machen können, was es heißt, heute als Frau den eigenen Weg zu gehen.

Denn: Es gibt sie. Sogar in Hülle und Fülle. Häufig abseits des Scheinwerferlichts, aber dennoch da. Und so habe ich mich entschlossen, diese Frauen sichtbar zu machen. Mit #WomenOnPurpose starte ich eine Interview-Reihe, die Frauen portraitiert, die ihr Leben in die Hand genommen haben und beherzt ihren Weg gehen. Auf dass sie uns inspirieren und Mut machen. Auf dass die Sichtbarkeit dieser Frauen dazu beiträgt, dass die jahrhundertelang kultivierte und überlieferte leise Stimme “du kannst das ja gar nicht” die so vielen Frauen noch immer innewohnt, langsam aber sicher ersetzt wird durch ein beherztes: “Ich wills. Ich kanns. Ich machs”.

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